Endlich: Ein Lexikon des Schweizer Geigenbaus

Es gibt Projekte, die man mit sich herumträgt wie eine alte Geige im Koffer — schon lange dabei, man weiss, da ist etwas Wertvolles drin, man kommt nur nie dazu, sie richtig aufzumachen.

Das Lexikon des Schweizer Geigenbaus war so ein Projekt.

Seit Jahren erzähle ich Kunden, Musikern und Neugierigen von der erstaunlich reichen Geschichte des Geigenbaus in der Schweiz. Und immer wieder kommt dieselbe Reaktion: ein leicht ungläubiges Staunen. «Geigenbau — in der Schweiz?» Ja. Wirklich. Und nicht zu knapp.

Die Diplomarbeit, die alles begann

Für meine Meisterprüfung habe ich 2012 eine Diplomarbeit geschrieben: Geigenbau in Zürich 1850–1950. Das war, ehrlich gesagt, ein Abenteuer. Ich habe Stadtarchive durchwühlt, alte Adressbücher durchgeblättert, Werkstätten nachgespürt, die längst zu Wohnungen, Cafés oder Parkhäusern geworden sind. (Das ehemalige Atelier von Gustav Altheim an der Torgasse 4 — heute sitzt man dort beim Café Odéon und trinkt Kaffee, ohne zu ahnen, dass in diesem Gebäude einmal Geigen gebaut wurden.)

Das Lexikon: Von der Schublade ins Netz

Die Diplomarbeit blieb nicht in der Schublade, sie hat mich nie losgelassen. Immer wieder nehme ich sie zur Hand, wenn ich ein Instrument sehe, das in Zürich gebaut wurde… Immer wieder tauchen neue Namen auf, neue Geschichten, neue Verbindungen. Hans Boltshauser, hat 1969 mit seinem Buch «Die Geigenbauer der Schweiz» eine erste, relativ systematische Zusammenstellung geliefert, aber die Zeit stand seitdem nicht still. Neue Personen kamen hinzu, andere sind in Vergessenheit geraten.

Und so habe ich mich endlich hingesetzt und angefangen, was ich schon lange wollte: ein digitales vollständiges Lexikon des Schweizer Geigenbaus, das ab jetzt immer ergänzt werden kann, wenn ich neue Informationen finde, wenn ich neue Personen finde oder auch wenn ich Fehler finde.

Es ist jetzt zu finden unter: https://corde.ch/schweizer-geigenbau/

Warum das wichtig ist — und warum jetzt

Ein Handwerk lebt nicht nur in den Händen seiner Fachpersonen. Es lebt auch in seiner Geschichte. Wer weiss, dass in Zürich zwischen 1850 und 1950 Geigenbauer wie Giuseppe Fiorini, August Lütschg oder eben Gustav Altheim tätig waren, Männer, deren Instrumente heute noch gespielt werden, der versteht auch, dass Geigenbau kein exotisches Nischenphänomen ist, sondern tief in der kulturellen DNA der Schweiz verwurzelt ist.

Gleichzeitig: Handwerkswissen ist flüchtig. Wenn ein Meister stirbt, ohne dass seine Lebensgeschichte irgendwo festgehalten ist, ist sie weg. So einfach ist das.

Das Lexikon soll dem entgegenwirken. Es ist ein laufendes Projekt, kein abgeschlossenes Buch, sondern eine wachsende Sammlung. Neue Einträge kommen hinzu, bestehende werden ergänzt, korrigiert, vertieft. Ich freue mich über jeden Hinweis, jeden Namen, jede Geschichte.

Was kommt als nächstes?

Aktuelle und  historischen Geigenbau-Fachpersonen wurden erfasst mit Hilfe verschiedener Quellen. Mein Ziel ist es, das Lexikon mit Hilfe von Hinweisen, Bilder, Instrumente und weiteres zu ergänzen. Und irgendwann – das ist der Traum – soll das Lexikon so vollständig sein, so dass wirklich gesagt werden kann: Wer eine Schweizer Geigenbaufachperson oder sucht, findet sie hier.

Bis dahin: Schaut immer wieder mal rein. Vielleicht entdeckt ihr einen Namen, den ihr schon kennt. Oder einen, der euch überrascht. Beides wäre schön.

Und wenn ihr selbst eine Geschichte kennt,  über einen Geigenbauer, eine Werkstatt, ein Instrument, meldet euch bitte. Das Lexikon lebt von genau solchen Geschichten und Informationen.

Micha David Sennhauser
Geigenbaumeister, Zürich